Berliner Regenbogen-Süppchen

 

Der ehrwürdige Hauptstadt-CSD hat es in diesem Jahr mit seinem Beschluss, die CDU an der Berliner Parade nicht teilnehmen zu lassen, bisher geschafft, die Agenda der aktuellen CSD-Saison zu bestimmen und die Frage der überfälligen Vollendung der Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in einen eminent parteipolitischen Fokus zu rücken.

 

CDU und CSU, die sich gerne als einzig verbliebene Volksparteien sehen, sind von jetzt auf gleich nicht nur dem bisher eher dezenten Druck schwul-lesbischer Parteimitglieder und ihren heterosexuellen Unterstützern ausgesetzt, sondern gelten im derzeit herrschenden Homo-Diskurs auf einmal als verfassungsfeindliche Betonköpfe im Sinkflug auf dumpfes Stammtischniveau.

 

Chapeau, liebe Berliner, das ist nach meiner Wahrnehmung intelligenter und politischer als eure Kampagnen der letzten zehn Jahre, und zugleich müssen sich die Kollegen in den anderen Hauptorten der CSD-Republik an dem Thema abarbeiten und eigene Position entwickeln. Ein großer Coup also, der am Ende dazu beitragen wird, den gordischen Knoten des Unionswiderstandes gegen die volle Gleichberechtigung zu zerschlagen? Hoffentlich!

 

Es gibt jedoch auch kritische Fragen zu stellen und Risiken zu bedenken, die mit dem vordergründig aggressiven Akt des Demo-Ausschlusses der CDU verbunden sind. Schaut man sich die typischen Reaktionsmuster konservativer Unionsfunktionäre an, dürfte der Berliner Beschluss, der aus meiner Sicht längst nicht das letzte Wort sein wird, zur Errichtung einer ideologischen Wagenburg und einem lautstarken „Wir haben schon immer gewusst, dass man mit Schwulen und Lesben keine vernünftige Politik machen kann!“ führen. Alexander Dobrindt, der CSU-Generalsekretär, wird sich in seiner vorurteilsbasierten Einschätzung, dass Schwule und Lesben eine „schrille Minderheit“ seien, vortrefflich bestätigt sehen und die Offensive des Berliner CSD dazu nutzen, in der eigenen Anhängerschaft zweifellos vorhandene Negativ-Stereotypen über die „Homosexuellen an sich“ zu verstärken.

 

Dies könnte uns als aufgeklärt-kämpferischer Minderheit zunächst egal sein, denn schließlich kann man, den aktuellen FDP-Vorsitzenden aus einem anderen Zusammenhang zitierend, „Dummheit nicht verbieten“, darf sie jedoch stets als solche entlarven und durch Aufklärung dazu beitragen, dass sie auf lange Sicht weniger wird.

 

Dennoch besteht die realistische Gefahr, dass der Vorwurf an die Unionsparteien, sie verträten eine „verfassungswidrige und undemokratische Haltung“ (Zitat aus einer Stellungnahme des Berliner CSD) am Ende dazu führen wird, dass selbst gutmeinende Mitglieder und Funktionäre von CDU/CSU sich unverhältnismäßig hart beurteilt und in ihrem eigenen Selbstverständnis als staatstragende Kräfte in Frage gestellt werden.

 

Ganz zu schweigen von den Aktivisten der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) und ihrer Sympathisanten, die ganz sicher keinen leichten Stand in ihren Parteigremien haben, mit ihrer Politik der kleinen Schritte jedoch durchaus Erfolge erzielt haben. Auch wenn der Berliner CSD ausdrücklich betont, die LSU-Leute und solche Abgeordnete, die sich bereits bisher für die vollständige Gleichberechtigung eingesetzt haben, nicht ausschließen zu wollen, sondern im Gegenteil beim Hauptstadt-CSD willkommen zu heißen, wird diese differenzierte Haltung am Ende nicht überall ankommen und sich eher der Eindruck verfestigen, dass hier eine ganze Partei an den schwul-lesbsichen Menschenrechtspranger gestellt wird.

 

Gerade im Jahr einer Bundestagswahl hat ein solches Vorgehen natürlich noch eine besondere Relevanz, da es eine der wichtigsten Funktionen der CSD-Bewegung war und ist, die Schwulen und Lesben zu politischem Handeln zu motivieren und durch Information und Diskussion in die Lage zu versetzen, Wahlentscheidungen ggf. auch durch die Brille der „Homo-Politik“ aufgeklärter treffen zu können.

 

Überparteilichkeit ist in diesem Zusammenhang ein Wert an sich und wichtigste Quelle politischer Glaubwürdigkeit der verschiedenen Pride-Veranstalter. Um hier jedes Geschmäckle zu vermeiden, sollten CDU-Wagen oder Fußgruppen in Berlin und anderswo in den Paraden Präsenz zeigen und auf den CSD-Bühnen und den Politik-Foren auch mitdiskutieren dürfen.

 

Ich bin mir fast sicher, dass es am Ende so kommen wird, und wer weiß, vielleicht war es ja von Anfang an Berliner Strategie, die Suppe am Anfang schön aufzukochen, um sie dann am Schluss in der Gewissheit gaumentauglich temperiert genießen zu können, dass die Bedeutung eines Kochs häufig auch davon abhängt, wieviel Wirbel er um seine Küche macht.

 

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Am Politscheideweg

 

 

Den Anlass, mich in einem Beitrag mit dem Wirken desjenigen Vereins auseinanderzusetzen, dessen Vorstand zu sein ich mehr als zehn Jahre die Ehre hatte, hätte ich mir affirmativer gewünscht. Denn schließlich bin ich dem KluST nach wie vor sehr verbunden, und ein erfolgreicher und politisch wirksamer CSD Köln/ColognePride ist immens wichtig zumindest für die regionale Lesben- und Schwulenbewegung.

 

Aber das Leben ist nun einmal kein Ponyhof, und daher muss ich meinen Nachfolgern fern von jeder „der Ex-Vorstand ist frustriert und stänkert gegen alles Neue“-Attitüde gleich bei ihrer ersten politischen Positionierung ins Stammbuch schreiben, dass sie kurz davor sind, sich auf einen ziemlich gewaltigen Holzweg zu begeben.

Was geschehen ist? Der CSD Deutschland e. V., ein loser Zusammenschluss bundesweiter CSD-Veranstalter, hat am 22. April 2013 eine „Berliner Erklärung“ veröffentlicht, in der die Positionen der CDU/CSU gegenüber Lesben und Schwulen verurteilt werden. Zusätzlich hat der Hauptstadt-CSD, auf dessen Initiative die „Berliner Erklärung“ hauptsächlich zurückgeht, angekündigt, die CDU von der diesjährigen Parade auszuschließen, inzwischen gibt es zu dieser Frage einen externen Moderationsprozess.

Der KLuST hat die Erklärung nicht unterzeichnet und folgende Äußerungen zweier Vorstandsmitglieder veröffentlicht, die ich vollständig und im Wortlaut wiedergebe, um nicht in Gefahr zu geraten, aus einem ungenauen Zusammenhang zu zitieren:

 

 

Statement 1:

 

„Im Grundsatz teilen wir die Erklärung, denn auch wir verurteilen ausdrücklich die Blockadehaltung der Union auf Bundesebene zur rechtlichen Gleichstellung eingetragener Lebenspartnerschaften mit der Ehe. Übrigens auch das Verhalten der FDP. Dennoch unterstützen wir nicht alle Formulierungen und werden auch keine demokratische Partei von unserer Demonstration ausschließen“.

Statement 2:

 

„Wir sind parteipolitisch unabhängig. Jede und jeder ist eingeladen, mit uns gemeinsam für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bi-, Trans- und Intersexuellen Menschen am 7. Juli zu demonstrieren. Jede und jeder ist aber auch eingeladen, sich kritisch mit der Haltung der Teilnehmer/innen auseinander zu setzen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Paradeteilnehmer/innen mit lautstarken Missfallensäußerungen oder mit Nichtbeachtung bestraft werden.“

Statement 3:

 

„Wir erkennen das Engagement einzelner Unionspolitiker/innen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene für die rechtliche Gleichstellung durchaus an und wissen, dass hier insbesondere den Lesben und Schwulen in der Union (LSU) eine besondere Rolle zukommt. Ob wir eine erneute Positionierung der Spitzenpolitiker/innen der Union zum Beispiel im Rahmen unserer Abschlusskundgebung brauchen, wage ich jedoch zu bezweifeln. Hier dürfte alles gesagt sein.“

 

 

Die beiden ersten Äußerungen sind unproblematisch und folgen der bisherigen Politik des ColognePride, im Hinblick auf das grundgesetzlich garantierte Demonstrationsrecht und die Wurzeln der CSD-Bewegung äußerst zurückhaltend beim Ausschluss möglicher Paradeteilnehmer zu sein. Die Ermunterung zur Meinungskundgebung innerhalb des Parade-Kontextes greift die Erfahrungen der wenige Jahre zurückliegenden „Pascha-Diskussion“ auf, bei der die Teilnahme von Transgender-Prostituierten auf einem von einem Großbordell finanzierten Wagen für große Unruhe gesorgt hatte.

 

 

Statement Nummer drei jedoch spiegelt die Gefahr einer völlig falschen Neupositionierung wider, indem tatsächlich in Frage gestellt wird, dass Politiker aus den Unionsparteien beim CSD Köln öffentlichen Raum für die Darstellung ihrer Argumente bekommen sollen. Dies wäre in jedem normalen Jahr schon waghalsig parteiisch, im Jahr der Bundestagswahl ist es grotesk und bringt die politische Kultur des CSD Köln auf das unschuldige Niveau eines Kleinkindes, dass sich die Augen mit den Händen in der Annahme verschließt, dass es selbst nicht mehr wahrgenommen werden kann, wenn die eigene Sicht genommen ist.

 

 

Wie bitte schön soll sich denn der mündige Schwule und die politisch interessierte Lesbe ein Urteil über ihre Wahlentscheidung im September bilden, wenn er oder sie auf dem CSD Köln als einem der wichtigsten Marktplätze für die schwulen- und lesbenpolitische Wahlkampfauseinandersetzung gar nicht zu hören bekommt, wie behämmert bzw. verdruckst die Unionsleute argumentieren?

 

 

Wird eine kraftvolle Positionierung für vollständige Gleichberechtigung dadurch schwächer, dass man auch Leute zu Wort kommen lässt, die damit Schwierigkeiten haben oder sogar kategorisch dagegen sind? Im Gegenteil: eine Haltung und daraus erwachsende Forderungen sind nur dann souverän und glaubwürdig, wenn sie auch öffentlichen Gegenwind zulassen und aushalten! Und auch hier gilt: das CSD-Publikum ist ein souveräner Richter, dem einen oder anderen Spitzenpoltiker klingen die Pfeifkonzerte auf dem Heumarkt noch heute in den Ohren.

 

 

Und wie hat man den Satz „ Hier dürfte alles gesagt sein“ zu interpretieren? Gibt es da etwa die klammheimliche Angst, die CSD-Besucher könnten aus Mitleid CDU wählen, weil auf der ColognePride-Bühne ein armer LSU-Mensch glaubhaft versichert, selbst doch für die Öffnung der Ehe zu sein, sich aber leider in seiner Partei nicht durchsetzen zu können?

 

 

Eigentlich ein absurder Gedanke, der jedoch dann eine gewisse Berechtigung erfährt, wenn man die politische Heimat des Absenders dieser Äußerung kennt: der zitierte Vorstand ist aktives Mitglied bei den Kölner Grünen und hat dort wohl auch schon für einen Posten im Kreisvorstand kandidiert.

 

 

Ist die für den CSD Köln so wichtige Überparteilichkeit damit passé? Ich hoffe nicht! 100 Tage Schonfrist gibt man Leuten in neuen Ämtern ja üblicherweise, bis man von ihnen ernstahft gute Arbeit verlangt. Für den CSD 2013 mit seinen Vorlaufzeiten könnte das zu spät sein. Aber Erkenntnisgewinn kann ja auch sehr schnell kommen, manchmal schon nach einer Nacht drüber schlafen….

So, das musste jetzt schnell raus, vielleicht fällt mir nach einem Mal schlafen noch mehr dazu ein 🙂

 

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Quo vadis, Diversity?

 

 

Das Thema Diversity hat innerhalb der Kölner Stadtpolitik bereits eine längere Geschichte, allerdings wurde es bisher eher stiefmütterlich behandelt, einige Gutmenschen aus Verwaltung und Stadtgesellschaft durften sich in Workshops und Arbeitskreisen Gedanken dazu machen, ansonsten blieb es beim Nebeneinander von (Frauen-)Gleichstellungs-, Behinderten, Migranten- und LST-Politik, ein übergeordneter Gedanke oder gar ein ausgewachsenes Diversity-Konzept waren nicht erkennbar.

 

Daran hat sich sich auch jetzt nichts geändert, dennoch gibt es, dem Sparzwang sei Dank, erste Dynamik innerhalb der Stadtverwaltung, die auf politische Initiative der CDU-Ratsfraktion damit beauftragt worden war zu prüfen, ob sich durch die Zusammenfassung verschiedener Dienststellen, die sich mit Antidiskriminierung, Gleichstellung und der Förderung bestimmter Personengruppen befassen, nicht Vorteile und Synergien erzielen ließen.

 

 

Und siehe da, die Verwaltung kommt zu dem Schluss, dass es Sinn macht, im Sozialdezernat eine sog. Punktdienststelle Diversity einzurichten, innerhalb derer zukünftig das Kommunale Integrationszentrum (Förderung von Migranten), die Behindertenpolitik und das Referat für Lesben, Schwule und Transgender (LST-Referat) versammelt sein sollen und deren erste Aufgabe es sein wird, ein konkretes Diversity-Konzept für die Stadtverwaltung zu erarbeiten und zu implementieren.

 

 

Wie ist dies aus Sicht der LST-Verbände zu bewerten, die in der Stadtarbeitsgesellschaft Lesben, Schwule und Transgender (Stadt-AG LST) versammelt sind und dort bisher von einem Rumpfreferat, bestehend aus einem einzigen Mitarbeiter plus Mini-Geschäftsstelle, mehr schlecht als recht verwaltet und unterstützt wurden?

 

 

In ersten Stellungnahmen zeigen sich Vertreterinnen und Vertreter enttäuscht darüber, dass diese Organisationsverfügung der Verwaltung ohne ausreichende Beteiligung der Stadt-AG LST erfolgte und konkrete Maßnahmen ergriffen würden, bevor es ein sorgfältig erarbeitetes inhaltliches Konzept für eine städtische Vielfaltspolitik gibt.

 

 

Diese Kritik ist verständlich, jedoch springt sie zu kurz und verkennt die Chancen, die in diesem Verfahren liegen. Denn zum einen wird gerade die LST-Politik von dieser Zusammenlegung profitieren, weil damit indirekt eine personelle Aufstockung des bisher hoffnungslos unterbesetzten und damit nahezu handlungsunfähigen Referates erreicht wird. Zum anderen, und dies ist noch viel wichtiger, erzeugt die dem Einspardruck geschuldete „Hauruck-Methode“ Druck auf alle Beteiligten, sich nun in der neuen Dienststelle inhaltlich und personell zusammenzuraufen, ohne zuvor in endlosen Diskussionen darüber verhandelt zu haben, ob und ggf. unter welchen Bedingungen man überhaupt mit den anderen Diversity-Gruppen zusammenarbeiten will.

 

 

Dies wird im besten Falle, wenn Politik und Verwaltung den entsprechenden Rahmen dafür eröffnen und die verschiedenen Gruppen sich offen und zukunftsorientiert zeigen, zu einer inhaltlichen Schärfung der eigenen Positionen und auch zu notwendigen Abgrenzungen innerhalb der neuen Dienststelle führen. Denn Diversity bedeutet eben nicht Einheitsbrei, sondern Vielfalt auf Grundlage eines starken Selbstbewusstseins sehr unterschiedlicher Gruppen.

 

 

Sicher wird es innerhalb der neuen Verwaltungseinheit Konflikte geben. Die hätte es aber auch dann noch gegeben, wenn die organisatorische Umsetzung erst nach einem jahrelangen Diskussionsprozess vollzogen worden wäre. Denn auf konkrete Zusammenarbeit kann man nicht am grünen Tisch verhandeln, persönliche und inhaltliche Differenzen werden oft erst in der Ebene des Arbeitsalltags sichtbar.

 

 

Am Ende kann der jetzt vorgesehene Sprung ins kalte Wasser dazu führen, dass aus der Punktdienstelle Diversity eine schlagkräftige Truppe wird, die eine Dynamik in der Kölner Vielfaltspolitik erzeugt, von der die Stadt heute leider noch sehr weit entfernt ist.

 

 

Eine Schlüsselrolle bei der Frage, ob dieser Weg gelingen wird, kommen der zuständigen Sozialdezernentin und dem Fachausschuss des Rates zu. Denn einerseits benötigen alle Beteiligten tatkräftige Unterstützung bei den anstehenden Entwicklungs- und Abstimmungsprozessen und eine lange Leine für Ideen und Experimente. Aber andererseits bedarf es auch eines breiten Rückens und politischer Entschlossenheit, um deutlich zu machen, dass ernst gemeinte Vielfalt nur mit großen Anstrengungen aller Beteiligten und ohne Bestandsschutz für lieb gewonnene Diversity-Surrogate erreicht werden kann.

 

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„Community“ – Näherung an eine schillernde Begriffsblase

Das englische Wort „Community“ bedeutet Gemeinschaft, manchmal ist auch das Gemeinwesen als organisierte Körperschaft damit gemeint.

 Wenn Schwule und Lesben in Deutschland von „Community“ sprechen, ist dies eher die Flucht in die Fremdsprache, um begrifflich etwas zu erfassen, was mit einem deutschen Wort offenbar nicht eindeutig zu beschreiben ist.

 Als ich noch in der organisierten Lesben- und Schwulenszene aktiv war, habe ich die „Community“ häufig als Schimäre, also als eingebildetes Trugbild, bezeichnet, weil ich es als unmöglich und in gewisser Weise auch anmaßend empfand, die sehr unterschiedlichen Menschen, die zum Beispiel in Köln die gesellschaftliche Minderheit der homosexuellen Einwohner bilden, unter einen Begriff zu zwingen, der eine völlig unrealistische Homogenität vorgaukelt und unter dem jeder gerade dasjenige versteht, was ihm und seiner Sache nutzt.

Dennoch ist der „Community“-Begriff allgegenwärtig und politisch wohl auch notwendig, um gegenüber den Akteuren der Mehrheitsgesellschaft Positionen vertreten und Forderungen erheben zu können, die dem tatsächlichen oder vermeintlichen Wohl der sozialen Gruppe der Schwulen und Lesben dienen.

Aber was steckt nun dahinter? Die größte Legitimität hätte der Begriff wohl, wenn er den kleinsten gemeinsamen Nenner der schwul-lesbischen Minderheit, also so etwas wie den rosaroten common sense verkörpern würde. Problem ist nur, dass die Lesben und Schwulen niemals zu ihren Wünschen, Werten und Zielen in repräsentativer Weise befragt werden, niemand kann also, anders als etwa die gewählten Abgeordneten in den verschiedenen Parlamenten, von sich behaupten, auf Grundlage eines politischen Meinungskampfes als legitimer Repräsentant für die Schwulen und Lesben einer bestimmten Gebietskörperschaft zu sprechen.

Wir haben stattdessen eine mehr oder weniger ausdifferenzierte organisierte Szene, die aber im Grunde aus Gruppen und Vereinen besteht, die auf die Durchsetzung spezifischer Partikularinteressen abonniert sind, anstatt danach zu fragen, was denn wohl dem Wohle der Mehrheit der sehr heterogenen Gruppe der Schwulen und Lesben im jeweiligen Einzugsgebiet entsprechen könnte.

Immerhin, so kann man sagen, vertritt die organisierte Szene zumindest vielfach die Interessen der Beladenen und Benachteiligten, denn die meisten „Community“-Organisationen sind staatsfinanziert, und dieser fördert nun einmal, zumindest in unserem noch recht jungen Politikfeld, zuallererst die sozial Benachteiligten oder von sonstiger Unbill Betroffenen.

Schön und gut. Aber was ist das mit der großen Zahl (den Begriff der Mehrheit könnte man hier wohl verwenden, aber er müsste eine unbeweisbare Behauptung bleiben) von Lesben und Schwulen, die keinerlei Berührung mit den einschlägigen Szeneangeboten wie Aidshilfe, Sozialberatung, Coming-Out-Hilfe oder Seniorennetzwerk haben, sondern vielleicht „nur“, wenn überhaupt, gelegentliche Besucher von Szenekneipen sind, darüber hinaus aber eher wenige bis gar keine Berührungspunkte mit dem haben, was zum Beispiel in einer Stadt wie Köln üblicherweise mit dem Begriff der Schwulen- und Lesbenszene beschrieben wird?

Könnte ja egal sein, weil diejenigen Leute, die sich fernhalten von der „Community“, auch nicht so schnell merken, wenn sie mal eben mitgedacht und gleichsam in die politische Waagschale geworfen werden, wenn sich die „Community“-Vertreter daran machen, die aus ihrer Sicht notwendigen Forderungen zu erheben und Themen zu besetzen, von denen ein unbedarfter Durchschnittshomosexueller noch nicht einmal geahnt hat, dass es sie gibt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich halte offensive Lobbyarbeit im schwul-lesbischen Bereich auf allen Ebenen für notwendig und bin mir auch bewusst, dass es immer noch besser ist, mühsam gebündelte oder auch isolierte Partikularinteressen zu vertreten, als nichts zu tun und sich den Launen der Mehrheitsgesellschaft auszusetzen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass der „Community“-Begriff so lange ein nicht unproblematisches Hilfskonstrukt bleiben wird, bis es uns gelingt, Verfahren und Mechanismen zu entwickeln und einzusetzen, die es den Akteuren aus den Reihen der Schwulen und Lesben, die an den Nahtstellen von Gesellschaft und Politik Interessen definieren und vertreten, erlauben, mehr Legitimität für ihr Handeln dadurch zu erzielen, dass sie sich tatsächlich auf eine breitere und im Hinblick auf die Meinungsvielfalt besser erforschte Basis stützen können und zugleich in die Lage versetzt werden, bei ihren Positionierungen nicht nur das Wohl der jeweiligen Entsendeorganisation zu verfolgen, sondern sich einen übergeordneten Blick zu erschließen.

Was folgt daraus praktisch? Schwierige Frage, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Zweierlei scheint mir jedoch in jedem Falle erforderlich: eine (Re)Politisierung der bisherigen Strukturen innerhalb der lesbisch-schwulen Szene sowie die Schaffung von Möglichkeiten, eine breitere Meinungsbasis innerhalb der sozialen Gruppe der Schwulen und Lesben zu erreichen.

Beim Korrekturlesen habe ich festgestellt, dass die Überschrift meines Beitrages eher eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem „Community“-Begriff erwarten lässt, ich dann aber recht fokussiert auf den Legitimitätskonflikt, der in der Nutzung dieses Begriffes liegt, eingegangen bin. Macht nix, ich lasse es jetzt so, auch zu diesem Thema kann man ja immer nochmal was schreiben…!

 

 

 

 

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Unnötiger Kraftverlust

Ein anschauliches Beispiel, wie schnell, nachhaltig und (vermutlich) unbeabsichtigt die Schlagkraft einer Kampagne geschwächt werden kann, ließ sich dieser Tage anhand der Facebook-Gleichheits-Kampagne der us-amerikanischen Human Rights Campaign (HRC) beobachten, die es innerhalb weniger Tage geschafft hatte, dass Millionen Facebook-Nutzer ihr bisheriges Profilbild durch das Kampagnen-Symbol, ein rosa Gleichheitszeichen auf rotem Grund, zu ersetzen, um damit die Öffnung der Ehe für Homosexuelle zu fordern.

Man mag ja von der Organisation HRC oder auch von der Ehe für lesbische oder schwule Paare halten, was man will, aber die Aktion war simpel, schlagkräftig und politisch eindeutig, so dass recht gute Chancen bestanden, dass das Thema Gleichstellung weltweit ordentlich Rückenwind bekam.

Um so ärgerlicher, dass die Querschüsse dann aus den eigenen Reihen kamen, obwohl die Urheber der kritischen Anmerkungen nach Lage der Dinge weniger der Kampagne schaden, als viel mehr ihre eigenen Interessen in den Windschatten der medialen Aufmerksamkeit bringen wollten. Und so kam es dann, dass Transgender-Gruppen beklagten, dass die Forderung nach Öffnung der Ehe für Homosexuelle wichtige Trans-Themen aussparen würde, und schwule und lesbische Aktivisten mit dem Fokus auf Themen wie sozialer Ungleichheit oder AIDS lamentierten wortreich über die Bedeutung ihres eigenen Blickwinkels auf die „Community“ und warfen der HRC eine verkürzte Politik für den weißen Mittelstand vor (vgl. die Zusammenfassung der Reaktionen von Nadia Pantel am 4. April im Derdiedas-Blog).

Geht´s noch, Leute? Erledigen wir jetzt die Arbeit unserer eigentlichen Gegner gleich mit, indem wir uns in interne Auseinandersetzungen um Schwerpunktsetzungen oder den Inhalt unseres Gleichheitsbegriffes verstricken und damit nicht nur die heteronormative Öffentlichkeit, sondern auch den einen oder anderen Politiker irritieren und verschrecken, der sich vielleicht gerade überlegt hatte, dass ein rosa-rot gefärbtes Facebook schon irgendwie eine Relevanz des Themas vermuten lassen könnte?

Und was sagen die vielen Nutzerinnen und Nutzer, die spontan und emotional angesprochen ihr Profilbild geändert haben und dachten, damit etwas Gutes für die Gleichstellung von Homosexuellen zu tun? Müssen die sich nun uncool oder vielleicht sogar politisch unkorrekt vorkommen, weil sie eine nicht bis ins letzte Detail gerechte und umfassende Kampagne unterstützt haben? Was ist, wenn die jetzt schnell zurückzucken und ihr Profilbild wieder ändern? Entsteht dann der Eindruck, die ursprünglich spontan gezeigte Unterstützung war gar nicht echt? Ist es den Schwulen und Lesben doch nicht so wichtig, dass sie endlich die Ehe schließen können?

Natürlich ist das Thema verzwickter, als ich es hier in einem Blog-Beitrag aufschlüsseln kann, ohne mir dafür einen halben Tag frei zu nehmen. Aber klar ist, dass das Zusammenrühren von Themen, Interessengruppen und verschiedenen inhaltlichen Facetten vielleicht die Qualität eines langfristigen politischen Diskurses steigert, in jedem Falle jedoch kurzfristig dazu führt, dass die Kraft einer Kampagne geschwächt wird und damit die Chancen der politischen Wahrnehmung oder gar Umsetzung prägnanter Forderungen sinken.

Was folgt daraus? Die Akteure der „Community“ müssen sich untereinander besser koordinieren, wobei dies auch einmal bedeuten kann, dass man seine eigene Gruppe mit ihren spezifischen Forderungen und Befindlichkeiten einmal zurücknimmt und stattdessen den Vorstoß einer anderen Initiative wohlwollend und unterstützend begleitet.

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Lecker war´s,…

…das Essen, aber die “T-Frage” ist immer noch offen. Ist es richtig und sinnvoll, Lesben, Schwule und Transgender unter dem Kürzel “LST” zusammenzufassen und die unterschiedlichen Gruppen damit zur Zwangssolidarität und einem notwendigerweise nicht vollständig reflektierten Wir-Gefühl zu nötigen?

Ich habe da erhebliche Zweifel, weil schon die Zusammenarbeit zwischen Schwulen und Lesben nicht immer reibungslos funktioniert, obwohl es sich hier immerhin um zwei Gruppen handelt, die mit ihrem eigenen Geschlecht so sehr zufrieden sind, dass sie ihr sexuelles und emotionales Begehren auf Geschlechtsgenossen richten. Schwierig genug, im Laufe der Pubertät festzustellen, dass man mit der Fokussierung auf das eigene Geschlecht recht alleine dasteht in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft. Aber immer noch einfacher, als die physisch manifestierte eigene Geschlechtlichkeit in Frage zu stellen und sich in einen gegengeschlechtlichen Körper und ein entsprechendes Leben mit geänderter Geschlechtszuweisung zu sehnen.

Und anders als bei Schwulen und Lesben, die nach einem gelungenen Coming Out häufig ein ganz “normales” Leben in der Mitte der Gesellschaft führen können, endet der tatsächliche oder befürchtete Diskriminierungsdruck bei vielen Transsexuellen nicht mit dem Abschluss des geschlechtsangleichenden Prozesses. Gerade Mann-Zu-Frau-Transsexuelle fallen durch ihre äußere Erscheinung oft auf und sind dann, ob sie es nun wollen oder nicht, einer besonderen öffentlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt, die im besten Falle neugierig-interessiert, aber leider immer wieder auch feindselig-abwertend rüberkommt.

Ich werde nie vergessen, wie ich nach einer politischen Veranstaltung mit zwei Transsexuellen und einer lesbischen Kollegin zur Nachbesprechung ein Restaurant aufgesucht und mich dort anfangs ständig gewundert habe, warum unser Tisch so viele Blicke auf sich zog und um uns herum verstohlen getuschelt wurde. Als mir klar wurde, dass dies an der äußerlichen Markanz der beiden transsexuellen Kolleginnen lag, habe ich mich erst über die Intoleranz der Leute aufgeregt, mir aber zugleich eingestanden, dass auch ich vermutlich aufmerksam und zur Kommentierung hingerissen werden könnte, wenn äußerlich auffällige Personen einen Gastraum betreten.

Seither ist für mich klar, dass ich als schwuler Mann, der, wenn er will, vollkommen unauffällig in der Gesellschaft leben kann, niemals werde nachspüren können, was es bedeutet, sich als Transsexueller ständig als potentieller Aufmerksamkeitsimpuls in der Öffentlichkeit bewegen und behaupten zu müssen.

Doch welcher Schluss sollte aus dieser Unterschiedlichkeit, die natürlich auch in der schwul-lesbischen Richtung durchdekliniert werden kann, gezogen werden? Sind wir Lesben und Schwule, die zahlenmäßig stärker sind und schon länger im gesellschaftspolitischen Diskurs präsent sind, aufgerufen, die Gruppe der Transgender quasi auf unserem politischen Ticket mitzunehmen und uns zukünftig als möglichst homogene (sowie möglichst paritätisch repräsentierte?!?) Minderheit zu präsentieren?

Mitnichten! Wir würden sowohl den immer noch virulenten Anliegen der Schwulen und Lesben, als auch den berechtigten Forderungen der Transgender einen Bärendienst erweisen, wenn wir uns von der Politik in einen Topf werfen und zu einer undefinierbaren Masse aus inkompatiblen Konzepten und unterschiedlichen Bedarfen verrühren lassen würden.

Leider gilt es derzeit als politisch nicht sehr korrekt, auf Unterschieden zu bestehen und Trennlinien zu betonen. Häufig wird dann unsolidarisches Verhalten gewittert, als ob es unanständig wäre, auf die Verschiedenheit von Lesben, Schwulen und Trangender hinzuweisen. Die Vehemenz, mit welcher der gute Willen zur inklusiven Behandlung verschiedener Minderheiten häufig bekundet wird, lässt (politischen) Unwillen vermuten, jeder (Diversity-)Gruppe ihre Eigenständigkeit zu belassen. Denn am Ende könnte es ja schwierig und teuer sein, Vielfalt wirklich zu leben und zu fördern. Da schert man doch lieber Alles über einen Kamm und lässt die Betroffenen selbst sehen, wie sie sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammenraufen.

Die Zeitschrift “Cicero” hat in einer Titelgeschichte auf ein Paradox ähnlichen Zuschnitts hingewiesen: in einer immer differenzierteren Gesellschaft, in deren Mittelpunkt die Betrachtung und Entfaltung des Individuums steht, gibt es zugleich ein unersättliches Verlangen nach möglichst umfassender Gleichbehandlung, da uns vermeintlich nur diese dem erstrebten Zustand von Gerechtigkeit näherbringen kann.

Dies stimmt jedoch nur, wenn Gleichbehandlung nicht per se ausnahmslos und nur auf Grundlage einer vorherigen Analyse und Bestimmung der Vergleichsgruppen bzw. der zu vergleichenden Tatbestände exekutiert wird.

Das ist eine durchaus anspruchsvolle und mühsame Aufgabe. Doch diese nicht anzugehen, hieße weiteres Durchwursteln mit unabsehbaren Folgen für die Schlagkraft einer vielfältigen, aber auch differenzierten Minderheitenpolitik.

Fortsetzung ist beabsichtigt….

 

 

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Frühlingserwachen

Wenn schon frühlingshafte Temperaturen in diesem Jahr lange auf sich warten lassen, möchte ich mir selbst ein paar warme Gedanken machen und mich zugleich zurückmelden an der öffentlichen Meinungsfront, die in meinem Falle hoffentlich recht bald aus einer Handvoll erster Leser bestehen wird.

Ich möchte in diesem Blog unregelmäßig regelmäßig zu Themen schreiben, die im weitesten Sinne mit der lesbisch-schwulen “Community” zu tun haben. Denn hier kenne ich mich aus, und offen gesagt fehlen mir nach gut zwei Monaten Ämterlosigkeit die Reflexionen über (gesellschafts-)politische Inhalte, die mein Leben in den letzten zehn Jahren wesentlich mitgeprägt haben.

Mein erstes Thema kreist um Fragen der politischen Korrektheit, um (sexuelle) Identitäten und Tugendfuror (Begriff aktuell entlehnt beim verehrten Herrn Bundespräsidenten), es geht aber auch um richtige politische Schwerpunktsetzung und den Verzicht auf symbolpolitischen Onanismus.

Auslöser meiner Gedanken war ein Bericht in “Die Welt” vom 13. März 2013 mit der Überschrift: “Wie die EU beinahe Pornos verboten hätte”. Es geht darin um einen vom Plenum schließlich entschärft beschlossenen Vorstoß aus dem Frauenausschuss des Europaparlaments, der in seiner ursprünglichen Fassung ein “Verbot von jeglicher Form der Pornografie in den Medien” vorgesehen hatte, um “geschlechtsspezifische Klischees abzuschaffen”. Dass diese krasse Forderung vor der Abstimmung im Gesamtparlament aus dem Papier gestrichen wurde, sieht ein in dem Artikel zitierter Abgeordneter als Beleg für das Funktionieren der europäischen Demokratie. Ich frage mich aber, wie so ein radikaler Unsinn überhaupt eine Mehrheit im Frauenausschuss finden konnte und wer so etwas in eine parlamentarische Vorlage schreibt.

Gibt es wirklich ernstzunehmende und gewählte Menschen, die tatsächlich bereit wären, auf dem Altar des Gender Mainstreamings und der vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit jegliche Darstellung von expliziter Sexualität aus den Medien verbannen wollen? Scheinbar schon, und um ein Haar hätte dies sogar eine breite parlamentarische Mehrheit gefunden.

Als ich das las, ratterten bei mir Bilder und Argumente aus der legendären “Pascha-Diskussion” durch den Kopf, in deren Verlauf es anlässlich der Teilnahme transsexueller Prostituierter aus dem Großbordell “Pascha” am Kölner CSD zu heftigen Kontroversen gekommen ist und die beinahe sogar zu einer Spaltung der organisierten Lesben- und Schwulenszene geführt hätte.

Auch damals wurden Forderungen laut, Taxi-Werbung für das “Pascha” mit teilentblößten Frauen als Motiv zu verbieten und Prostitution als immanent frauenverachtendes System möglichst ganz abzuschaffen bzw. zurück in die Illegalität zu drängen. 

Ich habe bei diesem Konflikt viel gelernt über die nachvollziehbaren Empfindlichkeiten von Frauen bei allen Fragen, die sich um sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechtergerechtigtkeit und die Einhaltung persönlicher Schamgrenzen drehen. Und dennoch blieb klar, dass verständliche Sensibilitäten und historische Entwicklungsstränge des gesellschaftlichen Diskurses nicht befähigt werden durften, über das Ziel eines angemessenen Interessenausgleichs hinauszuschießen und dabei fundamentale Freiheitsrechte zu gefährden.

Würde die “Pascha-Diskussion” heute zu anderen Ergebnissen führen? Wäre es heute noch möglich, das Interesse der transsexuellen Prostituierten, als Teil der CSD-Bewegung wahrgenommen zu werden, diskursiv weitgehend auszublenden und damit als irrelavant zu qualifizieren?

Dies führt mich zur “T-Frage”, die mich seit langem beschäftigt, die aber bisher keiner so recht diskutieren wollte. “T” steht für Transgender, und dieser Begriff umfasst wiederum, so weit mir das jetzt ohne Recherche präsent ist, transsexuelle und transidente Menschen, nicht jedoch Transvestiten.

Diese zahlenmäßig recht kleine Gruppe, die wegen ihrer oft schwierigen Biographien und der häufig anzutreffenden äußeren Auffälligkeit zweifellos einer noch stärkeren gesellschaftlichen Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt waren bzw. sind als Schwule und Lesben, spielte auf dem Feld der Minderheitenpolitik viele Jahre so gut wie keine Rolle, da es die zahlenmäßig deutlich stärkeren und medial weitaus beachteteren Lesben und Schwulen stets schafften, den kleinen politischen Scheinwerfer, der diese gesellschaftliche Nische überhaupt ausleuchtete, auf ihre Anliegen zu lenken.

Wann und wie es genau dazu kam, dass aus dem Politikbereich “LS” (Lesben und Schwule) das Themenkürzel “LST” (Lesben, Schwule und Transgender) wurde, ist mir leider nicht bekannt. Meine Theorie dazu ist, dass es irgendwelchen verantwortlichen Politikern/Verwaltungsbeamten zu mühsam war, die beiden Themenfelder inhaltlich trennscharf zu machen und in angemessener Weise gesondert zu bearbeiten. Stattdessen wurde aus dem sexuellen Schmuddelduo erst ein Trio, inzwischen köchelt auf kleiner Flamme eine wahre Buchstabensuppe aus L, S, B, T, T, I und einem Sternchen, um alle etwaig vergessenen Seelen auch noch irgendwie zu berücksichtigen.

Die Betroffenen wurden übrigens praktischwerweise gar nicht gefragt, ob sie gemeinsam mit den anderen in einem Thementopf landen wollen, und so stellt sich die Frage, ob da wirklich zusammengefasst wurde, was auch tatsächlich zusammen passt? 

So, und jetzt bin ich gleich zum Essen verabredet, also ein anderes Mal weiter schreiben…   

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