Selbst-Prüfung und Dialog-Vorschlag

 

 

Je länger die Debatte um die mögliche Teilnahme von ProKöln an der diesjährigen CSD-Parade im Netz und angeschlossenen Medien wabert, je mehr Gespräche ich zum Thema führe, so zum Beispiel gestern zahlreich beim Come-Together-Cup in Köln, desto häufiger frage ich mich, ob ich noch im richtigen Film bin, oder: und dies ist noch beunruhigender, ob bei mir trotz meiner gesamten schulisch-politischen Sozialisation oder der Biographie als Aktivist der Schwulen-und Lesbenbewegung nicht doch heimlich Sympathie für die Rechtspopulisten vorhanden ist? Vielleicht nicht offensiv in der Form des aktiven Unterstützens der von Ressentiments und irrationaler Xenophobie geprägten Ideologie, aber vielleicht durch instinktive Teilnahme am Schicksal der gesellschaftlich Verfemten und als (Neo-)Nazis abgestempelten Renegaten?

 

Schwer zu sagen, aber die Art und Weise der Diskussion macht es ja auch nicht gerade leicht, einen kühlen Kopf zu bewahren oder kein Mitleid mit denjenigen zu empfinden, die mit unterschiedlichen Vorzeichen durch den aktuellen Meinungswolf gedreht werden. Der KLuST-Vorstand, blu/rik-Herausgeber Olaf Alp, viele namenlose Arglos-Provokateure ohne Aufreger-Vorsatz, sie alle stehen einem undefinierbaren Mob gegenüber, der mal mit Un- bzw. Halbwissen glänzt, den Gutmenschen-Katechismus runter betet oder einfach seinem Bauchgefühl folgt, was in unserer post-aufgeklärten Mediokratie ja (leider!) immer populärer wird.

 

Aus dem Blick gerät dabei meist, dass wir es hier mit einer durchaus komplizierten und riskanten Situation zu tun haben, die je nach Qualität des Gegners das Format entwickeln könnte, den CSD zumindest in Köln grundlegend zu verändern und die bisherigen Community-Gewissheiten gehörig durcheinander zu wirbeln.

 

Mit der bisher weitestgehend unbekannten Qualität des Gegners ist aus meiner Sicht der aktuelle, noch weitgehend unbeleuchtete Kristallisationspunkt der Debatte benannt. Viele gehen davon aus, dass es sich bei ProKöln-Leuten um Knalltüten ohne Kalkül, hinreichenden Rückhalt und Durchhaltevermögen handelt. Ergo sollte man sie möglichst ignorieren, ihnen keine Bühne geben, ihre Inhalte ignorieren und ganz einfach darauf vertrauen, dass sie ihre Anmeldung noch zurückziehen, nicht genug Leute für die Parade zusammen bekommen oder vor Ort vom Publikum/den Sicherheitskräften/? neutralisiert/der Lächerlichkeit Preis gegeben/? werden.

 

Andere, und zu denen gehöre ich, ist nicht nur diese Alternative „?“ suspekt, es treibt sie auch die Frage um, ob ProKöln tatsächlich einem durchdachten Plan folgt und in der Lage sein könnte, sich entweder durch einen erzwungenen Ausschluss bzw. durch Übergriffe aus der Menge heraus in die Opferrolle zu bringen, oder, noch brisanter, tatsächlich in eine Rolle zu schlüpfen, die es für Einzelne/Viele/Teile der Öffentlichkeit nachvollziehbar machen könnte, dass die Partei ihren noch sehr gut in der Erinnerung hinterlegten Hasstiraden gegen Schwule und Lesben abgeschworen hat und ernsthaft für die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung eintritt, wenn auch unter dem zumindest latent fremdenfeindlichen Stichwort der Sicherheit von Schwulen und Lesben vor homophoben Übergriffen.

 

Wir werden dies wohl erst nach und nach erfahren, vielleicht auch nie, oder erst nach Übergriffen beim CSD und der anschließenden Aufarbeitung. Eigentlich unbefriedigend! Sollten wir vielleicht mal nachfragen? Bei wem? Bei ProKöln! Wie bitte, ein Gespräch mit Neo-Nazis, die zwar im Stadtrat sitzen, aber deshalb um so mehr geschnitten werden müssen!? Entschuldigung, war ja nur eine Idee, wir reden ja sonst auch mit Allen, wenn es um unsere Anliegen geht und sich ein konkretes Problem stellt.

 

Ok, virtuelle Dialoge zwischen unbenannten Gesprächspartner bringen nichts. Daher werde ich jetzt ganz förmlich den Vorschlag machen, tatsächlich den Dialog mit ProKöln zu den Fragen zu suchen, was die Hintergründe der CSD-Anmeldung sind, wie ernst die programmatischen Begleit-Äußerungen zu nehmen sind und welche Substanz die Litanei von dem Sicherheitsrisiko von Migranten/Muslimen/sozial Benachteiligten für Schwule und Lesben hat.

 

Dieses Gespräch sollte am besten öffentlich stattfinden, allerdings zu Duell-Bedingungen, die beiden Seiten bestmöglichen Schutz gewähren. Wenn dies nicht gelingt, wenigstens ein gemeinsam autorisiertes Gesprächsprotokoll eines nicht-öffentlichen Diskurses einschließlich eines neutralen Moderators außerhalb jeden Verdachts, der im Zweifel auch seine eigene Wahrnehmung der Diskussion publik machen kann.

 

Ich höre jetzt schon die Gegenrede: Aufwertung, Verharmlosung, Salonfähigkeit, Konsensaufkündigung, Spiel mit dem Feuer. Aber was sind die Alternativen? Bauchgesteuert um sich selbst kreisen und Verteufelungsdebatten ohne das Abschätzen von Risiken und Nebenwirkungen fortsetzen?

 

Nach meiner Analyse, aber diese kann natürlich fehlerhaft sein, spricht eher mehr dafür, dass ProKöln dieses Szenario nicht mal eben so vom Zaun gebrochen, sondern sich im Vorfeld durchaus Gedanken dazu gemacht und vielleicht sogar eine Strategie entwickelt hat. Und zu einer Strategie gehört auch, die möglichen Reaktionen des Gegners auf Grundlage seines bisherigen Verhaltens zu prognostizieren und in die eigene Aktionsplanung einzuarbeiten. Dazu gehört vorliegend recht viel, aber ziemlich sicher kein Gesprächsangebot durch uns. Opfer, mit denen man vorher gesprochen hat, sind in der Regel keine Opfer, und in der Realität des demokratischen Diskurses auf mickerliche Spießbürger zusammengeschrumpfte Extremisten sind nur noch halb so gefährlich wie Black-Box-Braune mit der Potenz zu vermeintlich simplen Problemlösern.

 

Lasst es uns versuchen! Denn eines ist sicher: wir sind so lange die Guten, bis unser Wille zum Gutsein etwas Böses bewirkt!

 

Und was ist mit der Ausgangsfrage nach falschem Film und so? Nein, ich fühle mich nicht unwohl mit meinen Überlegungen und komme auch nach längerer Prüfung zu dem Ergebnis, dass ich eine gefestigt demokratische Haltung liberaler Provenienz habe und mir nicht vorwerfen muss, auf irgendeinem Auge blind oder voreingenommen gegenüber einer Gruppe von Mitmenschen zu sein. Gott sei Dank :-)!

 

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