Ontologischer Gagaismus statt verwandelter Großchance

 

Seit gestern steht nun fest, unter welchem Motto der Kölner ColognePride in die beginnende CSD-Saison startet: „Wir sind. So oder so.“

 

Ontologischer Gagaismus statt politischer Prägnanz, der heraufziehende Bundestagswahlkampf gilt eher als Unsicherheitsfaktor, denn als Ansporn zur Fortsetzung der im letzten Jahr so erfolgreich begonnenen direkten Ansprache der politischen Akteure.

 

Der CSD Köln vergibt eine sich nur alle vier Jahre bietende Großchance und widmet sich laut Ankündigung in der noch geheim gehaltenen Plakatkampagne lieber Fragen der Geschlechteridentität, die man gut uns gerne auch hätte 2014 behandeln können, nach der hoffentlich erfolgreichen letzten Schlacht um die vollständige Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften in diesem Jahr.

 

Natürlich fordert auch der Vorstand des Kölner Lesben- und Schwulentag e.V. pflichtschuldig die vollständige Gleichstellung, aber was nutzt das, wenn das schwurbelige-banale Motto möglicherweise zu philosophischen Selbstbespiegelungen motiviert, aber sich nicht als mobilisierender Polit-Slogan eignet, selbst nicht bei einer erhofft zündenden Begleitkampagne.

 

Frau Bundeskanzlerin, Herr Kauder, WIR SIND HALT SO, auch wenn sie uns politisch ignorieren oder bewusst benachteiligen, WIR WERDEN IMMER DA SEIN, da können Sie gar nix machen, ÄTSCH!

 

Es ist zum verrückt werden: da lag der Ball nach der erfolgreichen „JA, ICH WILL!“-Kampagne des Jahres 2012 auf dem politischen Elfmeterpunkt, die Mitglieder des CSD-Vereins hatten sich für eine inhaltliche Fortsetzung dieser Stoßrichtung ausgesprochen, und was macht der neue Vorstand? Er verweigert den Torschuss und dribbelt lieber ins Abseits thematischer Beliebigkeit mit esoterisch-sphärischen Inklusionsübungen.

 

Und dann noch die Sache mit dem Fingerabdruck! Im Pressetext steht zu dem gefällig in Regenbogen-Farben gehaltenen Symbol geschrieben: „Ein Fingerabdruck ist unveränderlich und symbolisiert Einmaligkeit, viele Fingerabdrücke stehen für Vielfalt. Menschen können sich zwar verstecken, ein Fingerabdruck aber identifiziert eindeutig.” Was soll uns das sagen? Verstecken zwecklos, Big Brother is watching you?

 

Hätte man noch als sprachlichen Unfall abtun können, wenn nicht der Vorstand auf dem gestrigen Forum des Vereins noch folgende Idee mit vollem Ernst präsentiert hätte: man wolle Freiwillige mit Tablets oder mobilen Fingerabdrucklesern über das Straßenfest schicken, um von möglichst vielen Besuchern Fingerabdrücke zu nehmen, die dann schließlich zu einem sehr großen Fingerabdruck zusammengefügt und an die Politiker in Berlin geschickt werden sollten.

 

Hallo? Leben nicht noch genug Schwule unter uns, die wegen ihrer sexuellen Identität kriminalisiert und erkennungsdienstlich erfasst wurden? Steht nicht der Fingerabdruck in erster Linie für Strafverfolgung, staatliche Überwachung und Preisgabe von Identität? Hätte man nicht gleich noch nen Speicheltest machen und die Daten vorsorglich speichern sollen, um daraus irgendwann mal eine digitale Rosa-Liste 2.0 zu machen? Solche Ideen zu entwickeln und ernsthaft seinen Mitgliedern zu präsentieren, lässt auf fehlenden Instinkt und ein unsicheres Gespür für Symbole und ihre Bedeutungen schließen. Beides keine guten Voraussetzungen, um die politische und gesellschaftliche Außenwirkung einer der wichtigsten Pride-Veranstaltungen zu verwalten.

 

Man darf besorgt sein und kann nur hoffen, dass der ColognePride als Gesamtveranstaltung mit ihren unzähligen Aktivisten einmal mehr die Kraft zeigt, widrigen Bedingungen zu trotzen, auch wenn diese in diesem Jahr hausgemachten Ursprungs sind.

 

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