Berliner Regenbogen-Süppchen

 

Der ehrwürdige Hauptstadt-CSD hat es in diesem Jahr mit seinem Beschluss, die CDU an der Berliner Parade nicht teilnehmen zu lassen, bisher geschafft, die Agenda der aktuellen CSD-Saison zu bestimmen und die Frage der überfälligen Vollendung der Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in einen eminent parteipolitischen Fokus zu rücken.

 

CDU und CSU, die sich gerne als einzig verbliebene Volksparteien sehen, sind von jetzt auf gleich nicht nur dem bisher eher dezenten Druck schwul-lesbischer Parteimitglieder und ihren heterosexuellen Unterstützern ausgesetzt, sondern gelten im derzeit herrschenden Homo-Diskurs auf einmal als verfassungsfeindliche Betonköpfe im Sinkflug auf dumpfes Stammtischniveau.

 

Chapeau, liebe Berliner, das ist nach meiner Wahrnehmung intelligenter und politischer als eure Kampagnen der letzten zehn Jahre, und zugleich müssen sich die Kollegen in den anderen Hauptorten der CSD-Republik an dem Thema abarbeiten und eigene Position entwickeln. Ein großer Coup also, der am Ende dazu beitragen wird, den gordischen Knoten des Unionswiderstandes gegen die volle Gleichberechtigung zu zerschlagen? Hoffentlich!

 

Es gibt jedoch auch kritische Fragen zu stellen und Risiken zu bedenken, die mit dem vordergründig aggressiven Akt des Demo-Ausschlusses der CDU verbunden sind. Schaut man sich die typischen Reaktionsmuster konservativer Unionsfunktionäre an, dürfte der Berliner Beschluss, der aus meiner Sicht längst nicht das letzte Wort sein wird, zur Errichtung einer ideologischen Wagenburg und einem lautstarken „Wir haben schon immer gewusst, dass man mit Schwulen und Lesben keine vernünftige Politik machen kann!“ führen. Alexander Dobrindt, der CSU-Generalsekretär, wird sich in seiner vorurteilsbasierten Einschätzung, dass Schwule und Lesben eine „schrille Minderheit“ seien, vortrefflich bestätigt sehen und die Offensive des Berliner CSD dazu nutzen, in der eigenen Anhängerschaft zweifellos vorhandene Negativ-Stereotypen über die „Homosexuellen an sich“ zu verstärken.

 

Dies könnte uns als aufgeklärt-kämpferischer Minderheit zunächst egal sein, denn schließlich kann man, den aktuellen FDP-Vorsitzenden aus einem anderen Zusammenhang zitierend, „Dummheit nicht verbieten“, darf sie jedoch stets als solche entlarven und durch Aufklärung dazu beitragen, dass sie auf lange Sicht weniger wird.

 

Dennoch besteht die realistische Gefahr, dass der Vorwurf an die Unionsparteien, sie verträten eine „verfassungswidrige und undemokratische Haltung“ (Zitat aus einer Stellungnahme des Berliner CSD) am Ende dazu führen wird, dass selbst gutmeinende Mitglieder und Funktionäre von CDU/CSU sich unverhältnismäßig hart beurteilt und in ihrem eigenen Selbstverständnis als staatstragende Kräfte in Frage gestellt werden.

 

Ganz zu schweigen von den Aktivisten der Lesben und Schwulen in der Union (LSU) und ihrer Sympathisanten, die ganz sicher keinen leichten Stand in ihren Parteigremien haben, mit ihrer Politik der kleinen Schritte jedoch durchaus Erfolge erzielt haben. Auch wenn der Berliner CSD ausdrücklich betont, die LSU-Leute und solche Abgeordnete, die sich bereits bisher für die vollständige Gleichberechtigung eingesetzt haben, nicht ausschließen zu wollen, sondern im Gegenteil beim Hauptstadt-CSD willkommen zu heißen, wird diese differenzierte Haltung am Ende nicht überall ankommen und sich eher der Eindruck verfestigen, dass hier eine ganze Partei an den schwul-lesbsichen Menschenrechtspranger gestellt wird.

 

Gerade im Jahr einer Bundestagswahl hat ein solches Vorgehen natürlich noch eine besondere Relevanz, da es eine der wichtigsten Funktionen der CSD-Bewegung war und ist, die Schwulen und Lesben zu politischem Handeln zu motivieren und durch Information und Diskussion in die Lage zu versetzen, Wahlentscheidungen ggf. auch durch die Brille der „Homo-Politik“ aufgeklärter treffen zu können.

 

Überparteilichkeit ist in diesem Zusammenhang ein Wert an sich und wichtigste Quelle politischer Glaubwürdigkeit der verschiedenen Pride-Veranstalter. Um hier jedes Geschmäckle zu vermeiden, sollten CDU-Wagen oder Fußgruppen in Berlin und anderswo in den Paraden Präsenz zeigen und auf den CSD-Bühnen und den Politik-Foren auch mitdiskutieren dürfen.

 

Ich bin mir fast sicher, dass es am Ende so kommen wird, und wer weiß, vielleicht war es ja von Anfang an Berliner Strategie, die Suppe am Anfang schön aufzukochen, um sie dann am Schluss in der Gewissheit gaumentauglich temperiert genießen zu können, dass die Bedeutung eines Kochs häufig auch davon abhängt, wieviel Wirbel er um seine Küche macht.

 

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