„Community“ – Näherung an eine schillernde Begriffsblase

Das englische Wort „Community“ bedeutet Gemeinschaft, manchmal ist auch das Gemeinwesen als organisierte Körperschaft damit gemeint.

 Wenn Schwule und Lesben in Deutschland von „Community“ sprechen, ist dies eher die Flucht in die Fremdsprache, um begrifflich etwas zu erfassen, was mit einem deutschen Wort offenbar nicht eindeutig zu beschreiben ist.

 Als ich noch in der organisierten Lesben- und Schwulenszene aktiv war, habe ich die „Community“ häufig als Schimäre, also als eingebildetes Trugbild, bezeichnet, weil ich es als unmöglich und in gewisser Weise auch anmaßend empfand, die sehr unterschiedlichen Menschen, die zum Beispiel in Köln die gesellschaftliche Minderheit der homosexuellen Einwohner bilden, unter einen Begriff zu zwingen, der eine völlig unrealistische Homogenität vorgaukelt und unter dem jeder gerade dasjenige versteht, was ihm und seiner Sache nutzt.

Dennoch ist der „Community“-Begriff allgegenwärtig und politisch wohl auch notwendig, um gegenüber den Akteuren der Mehrheitsgesellschaft Positionen vertreten und Forderungen erheben zu können, die dem tatsächlichen oder vermeintlichen Wohl der sozialen Gruppe der Schwulen und Lesben dienen.

Aber was steckt nun dahinter? Die größte Legitimität hätte der Begriff wohl, wenn er den kleinsten gemeinsamen Nenner der schwul-lesbischen Minderheit, also so etwas wie den rosaroten common sense verkörpern würde. Problem ist nur, dass die Lesben und Schwulen niemals zu ihren Wünschen, Werten und Zielen in repräsentativer Weise befragt werden, niemand kann also, anders als etwa die gewählten Abgeordneten in den verschiedenen Parlamenten, von sich behaupten, auf Grundlage eines politischen Meinungskampfes als legitimer Repräsentant für die Schwulen und Lesben einer bestimmten Gebietskörperschaft zu sprechen.

Wir haben stattdessen eine mehr oder weniger ausdifferenzierte organisierte Szene, die aber im Grunde aus Gruppen und Vereinen besteht, die auf die Durchsetzung spezifischer Partikularinteressen abonniert sind, anstatt danach zu fragen, was denn wohl dem Wohle der Mehrheit der sehr heterogenen Gruppe der Schwulen und Lesben im jeweiligen Einzugsgebiet entsprechen könnte.

Immerhin, so kann man sagen, vertritt die organisierte Szene zumindest vielfach die Interessen der Beladenen und Benachteiligten, denn die meisten „Community“-Organisationen sind staatsfinanziert, und dieser fördert nun einmal, zumindest in unserem noch recht jungen Politikfeld, zuallererst die sozial Benachteiligten oder von sonstiger Unbill Betroffenen.

Schön und gut. Aber was ist das mit der großen Zahl (den Begriff der Mehrheit könnte man hier wohl verwenden, aber er müsste eine unbeweisbare Behauptung bleiben) von Lesben und Schwulen, die keinerlei Berührung mit den einschlägigen Szeneangeboten wie Aidshilfe, Sozialberatung, Coming-Out-Hilfe oder Seniorennetzwerk haben, sondern vielleicht „nur“, wenn überhaupt, gelegentliche Besucher von Szenekneipen sind, darüber hinaus aber eher wenige bis gar keine Berührungspunkte mit dem haben, was zum Beispiel in einer Stadt wie Köln üblicherweise mit dem Begriff der Schwulen- und Lesbenszene beschrieben wird?

Könnte ja egal sein, weil diejenigen Leute, die sich fernhalten von der „Community“, auch nicht so schnell merken, wenn sie mal eben mitgedacht und gleichsam in die politische Waagschale geworfen werden, wenn sich die „Community“-Vertreter daran machen, die aus ihrer Sicht notwendigen Forderungen zu erheben und Themen zu besetzen, von denen ein unbedarfter Durchschnittshomosexueller noch nicht einmal geahnt hat, dass es sie gibt.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich halte offensive Lobbyarbeit im schwul-lesbischen Bereich auf allen Ebenen für notwendig und bin mir auch bewusst, dass es immer noch besser ist, mühsam gebündelte oder auch isolierte Partikularinteressen zu vertreten, als nichts zu tun und sich den Launen der Mehrheitsgesellschaft auszusetzen.

Mein Eindruck ist jedoch, dass der „Community“-Begriff so lange ein nicht unproblematisches Hilfskonstrukt bleiben wird, bis es uns gelingt, Verfahren und Mechanismen zu entwickeln und einzusetzen, die es den Akteuren aus den Reihen der Schwulen und Lesben, die an den Nahtstellen von Gesellschaft und Politik Interessen definieren und vertreten, erlauben, mehr Legitimität für ihr Handeln dadurch zu erzielen, dass sie sich tatsächlich auf eine breitere und im Hinblick auf die Meinungsvielfalt besser erforschte Basis stützen können und zugleich in die Lage versetzt werden, bei ihren Positionierungen nicht nur das Wohl der jeweiligen Entsendeorganisation zu verfolgen, sondern sich einen übergeordneten Blick zu erschließen.

Was folgt daraus praktisch? Schwierige Frage, auf die es keine einfachen Antworten geben kann. Zweierlei scheint mir jedoch in jedem Falle erforderlich: eine (Re)Politisierung der bisherigen Strukturen innerhalb der lesbisch-schwulen Szene sowie die Schaffung von Möglichkeiten, eine breitere Meinungsbasis innerhalb der sozialen Gruppe der Schwulen und Lesben zu erreichen.

Beim Korrekturlesen habe ich festgestellt, dass die Überschrift meines Beitrages eher eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem „Community“-Begriff erwarten lässt, ich dann aber recht fokussiert auf den Legitimitätskonflikt, der in der Nutzung dieses Begriffes liegt, eingegangen bin. Macht nix, ich lasse es jetzt so, auch zu diesem Thema kann man ja immer nochmal was schreiben…!

 

 

 

 

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