Unnötiger Kraftverlust

Ein anschauliches Beispiel, wie schnell, nachhaltig und (vermutlich) unbeabsichtigt die Schlagkraft einer Kampagne geschwächt werden kann, ließ sich dieser Tage anhand der Facebook-Gleichheits-Kampagne der us-amerikanischen Human Rights Campaign (HRC) beobachten, die es innerhalb weniger Tage geschafft hatte, dass Millionen Facebook-Nutzer ihr bisheriges Profilbild durch das Kampagnen-Symbol, ein rosa Gleichheitszeichen auf rotem Grund, zu ersetzen, um damit die Öffnung der Ehe für Homosexuelle zu fordern.

Man mag ja von der Organisation HRC oder auch von der Ehe für lesbische oder schwule Paare halten, was man will, aber die Aktion war simpel, schlagkräftig und politisch eindeutig, so dass recht gute Chancen bestanden, dass das Thema Gleichstellung weltweit ordentlich Rückenwind bekam.

Um so ärgerlicher, dass die Querschüsse dann aus den eigenen Reihen kamen, obwohl die Urheber der kritischen Anmerkungen nach Lage der Dinge weniger der Kampagne schaden, als viel mehr ihre eigenen Interessen in den Windschatten der medialen Aufmerksamkeit bringen wollten. Und so kam es dann, dass Transgender-Gruppen beklagten, dass die Forderung nach Öffnung der Ehe für Homosexuelle wichtige Trans-Themen aussparen würde, und schwule und lesbische Aktivisten mit dem Fokus auf Themen wie sozialer Ungleichheit oder AIDS lamentierten wortreich über die Bedeutung ihres eigenen Blickwinkels auf die „Community“ und warfen der HRC eine verkürzte Politik für den weißen Mittelstand vor (vgl. die Zusammenfassung der Reaktionen von Nadia Pantel am 4. April im Derdiedas-Blog).

Geht´s noch, Leute? Erledigen wir jetzt die Arbeit unserer eigentlichen Gegner gleich mit, indem wir uns in interne Auseinandersetzungen um Schwerpunktsetzungen oder den Inhalt unseres Gleichheitsbegriffes verstricken und damit nicht nur die heteronormative Öffentlichkeit, sondern auch den einen oder anderen Politiker irritieren und verschrecken, der sich vielleicht gerade überlegt hatte, dass ein rosa-rot gefärbtes Facebook schon irgendwie eine Relevanz des Themas vermuten lassen könnte?

Und was sagen die vielen Nutzerinnen und Nutzer, die spontan und emotional angesprochen ihr Profilbild geändert haben und dachten, damit etwas Gutes für die Gleichstellung von Homosexuellen zu tun? Müssen die sich nun uncool oder vielleicht sogar politisch unkorrekt vorkommen, weil sie eine nicht bis ins letzte Detail gerechte und umfassende Kampagne unterstützt haben? Was ist, wenn die jetzt schnell zurückzucken und ihr Profilbild wieder ändern? Entsteht dann der Eindruck, die ursprünglich spontan gezeigte Unterstützung war gar nicht echt? Ist es den Schwulen und Lesben doch nicht so wichtig, dass sie endlich die Ehe schließen können?

Natürlich ist das Thema verzwickter, als ich es hier in einem Blog-Beitrag aufschlüsseln kann, ohne mir dafür einen halben Tag frei zu nehmen. Aber klar ist, dass das Zusammenrühren von Themen, Interessengruppen und verschiedenen inhaltlichen Facetten vielleicht die Qualität eines langfristigen politischen Diskurses steigert, in jedem Falle jedoch kurzfristig dazu führt, dass die Kraft einer Kampagne geschwächt wird und damit die Chancen der politischen Wahrnehmung oder gar Umsetzung prägnanter Forderungen sinken.

Was folgt daraus? Die Akteure der „Community“ müssen sich untereinander besser koordinieren, wobei dies auch einmal bedeuten kann, dass man seine eigene Gruppe mit ihren spezifischen Forderungen und Befindlichkeiten einmal zurücknimmt und stattdessen den Vorstoß einer anderen Initiative wohlwollend und unterstützend begleitet.

Advertisements
This entry was posted in Uncategorized and tagged , , , , , , . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s