Lecker war´s,…

…das Essen, aber die “T-Frage” ist immer noch offen. Ist es richtig und sinnvoll, Lesben, Schwule und Transgender unter dem Kürzel “LST” zusammenzufassen und die unterschiedlichen Gruppen damit zur Zwangssolidarität und einem notwendigerweise nicht vollständig reflektierten Wir-Gefühl zu nötigen?

Ich habe da erhebliche Zweifel, weil schon die Zusammenarbeit zwischen Schwulen und Lesben nicht immer reibungslos funktioniert, obwohl es sich hier immerhin um zwei Gruppen handelt, die mit ihrem eigenen Geschlecht so sehr zufrieden sind, dass sie ihr sexuelles und emotionales Begehren auf Geschlechtsgenossen richten. Schwierig genug, im Laufe der Pubertät festzustellen, dass man mit der Fokussierung auf das eigene Geschlecht recht alleine dasteht in einer heteronormativ geprägten Gesellschaft. Aber immer noch einfacher, als die physisch manifestierte eigene Geschlechtlichkeit in Frage zu stellen und sich in einen gegengeschlechtlichen Körper und ein entsprechendes Leben mit geänderter Geschlechtszuweisung zu sehnen.

Und anders als bei Schwulen und Lesben, die nach einem gelungenen Coming Out häufig ein ganz “normales” Leben in der Mitte der Gesellschaft führen können, endet der tatsächliche oder befürchtete Diskriminierungsdruck bei vielen Transsexuellen nicht mit dem Abschluss des geschlechtsangleichenden Prozesses. Gerade Mann-Zu-Frau-Transsexuelle fallen durch ihre äußere Erscheinung oft auf und sind dann, ob sie es nun wollen oder nicht, einer besonderen öffentlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt, die im besten Falle neugierig-interessiert, aber leider immer wieder auch feindselig-abwertend rüberkommt.

Ich werde nie vergessen, wie ich nach einer politischen Veranstaltung mit zwei Transsexuellen und einer lesbischen Kollegin zur Nachbesprechung ein Restaurant aufgesucht und mich dort anfangs ständig gewundert habe, warum unser Tisch so viele Blicke auf sich zog und um uns herum verstohlen getuschelt wurde. Als mir klar wurde, dass dies an der äußerlichen Markanz der beiden transsexuellen Kolleginnen lag, habe ich mich erst über die Intoleranz der Leute aufgeregt, mir aber zugleich eingestanden, dass auch ich vermutlich aufmerksam und zur Kommentierung hingerissen werden könnte, wenn äußerlich auffällige Personen einen Gastraum betreten.

Seither ist für mich klar, dass ich als schwuler Mann, der, wenn er will, vollkommen unauffällig in der Gesellschaft leben kann, niemals werde nachspüren können, was es bedeutet, sich als Transsexueller ständig als potentieller Aufmerksamkeitsimpuls in der Öffentlichkeit bewegen und behaupten zu müssen.

Doch welcher Schluss sollte aus dieser Unterschiedlichkeit, die natürlich auch in der schwul-lesbischen Richtung durchdekliniert werden kann, gezogen werden? Sind wir Lesben und Schwule, die zahlenmäßig stärker sind und schon länger im gesellschaftspolitischen Diskurs präsent sind, aufgerufen, die Gruppe der Transgender quasi auf unserem politischen Ticket mitzunehmen und uns zukünftig als möglichst homogene (sowie möglichst paritätisch repräsentierte?!?) Minderheit zu präsentieren?

Mitnichten! Wir würden sowohl den immer noch virulenten Anliegen der Schwulen und Lesben, als auch den berechtigten Forderungen der Transgender einen Bärendienst erweisen, wenn wir uns von der Politik in einen Topf werfen und zu einer undefinierbaren Masse aus inkompatiblen Konzepten und unterschiedlichen Bedarfen verrühren lassen würden.

Leider gilt es derzeit als politisch nicht sehr korrekt, auf Unterschieden zu bestehen und Trennlinien zu betonen. Häufig wird dann unsolidarisches Verhalten gewittert, als ob es unanständig wäre, auf die Verschiedenheit von Lesben, Schwulen und Trangender hinzuweisen. Die Vehemenz, mit welcher der gute Willen zur inklusiven Behandlung verschiedener Minderheiten häufig bekundet wird, lässt (politischen) Unwillen vermuten, jeder (Diversity-)Gruppe ihre Eigenständigkeit zu belassen. Denn am Ende könnte es ja schwierig und teuer sein, Vielfalt wirklich zu leben und zu fördern. Da schert man doch lieber Alles über einen Kamm und lässt die Betroffenen selbst sehen, wie sie sich trotz ihrer Unterschiedlichkeit zusammenraufen.

Die Zeitschrift “Cicero” hat in einer Titelgeschichte auf ein Paradox ähnlichen Zuschnitts hingewiesen: in einer immer differenzierteren Gesellschaft, in deren Mittelpunkt die Betrachtung und Entfaltung des Individuums steht, gibt es zugleich ein unersättliches Verlangen nach möglichst umfassender Gleichbehandlung, da uns vermeintlich nur diese dem erstrebten Zustand von Gerechtigkeit näherbringen kann.

Dies stimmt jedoch nur, wenn Gleichbehandlung nicht per se ausnahmslos und nur auf Grundlage einer vorherigen Analyse und Bestimmung der Vergleichsgruppen bzw. der zu vergleichenden Tatbestände exekutiert wird.

Das ist eine durchaus anspruchsvolle und mühsame Aufgabe. Doch diese nicht anzugehen, hieße weiteres Durchwursteln mit unabsehbaren Folgen für die Schlagkraft einer vielfältigen, aber auch differenzierten Minderheitenpolitik.

Fortsetzung ist beabsichtigt….

 

 

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