Frühlingserwachen

Wenn schon frühlingshafte Temperaturen in diesem Jahr lange auf sich warten lassen, möchte ich mir selbst ein paar warme Gedanken machen und mich zugleich zurückmelden an der öffentlichen Meinungsfront, die in meinem Falle hoffentlich recht bald aus einer Handvoll erster Leser bestehen wird.

Ich möchte in diesem Blog unregelmäßig regelmäßig zu Themen schreiben, die im weitesten Sinne mit der lesbisch-schwulen “Community” zu tun haben. Denn hier kenne ich mich aus, und offen gesagt fehlen mir nach gut zwei Monaten Ämterlosigkeit die Reflexionen über (gesellschafts-)politische Inhalte, die mein Leben in den letzten zehn Jahren wesentlich mitgeprägt haben.

Mein erstes Thema kreist um Fragen der politischen Korrektheit, um (sexuelle) Identitäten und Tugendfuror (Begriff aktuell entlehnt beim verehrten Herrn Bundespräsidenten), es geht aber auch um richtige politische Schwerpunktsetzung und den Verzicht auf symbolpolitischen Onanismus.

Auslöser meiner Gedanken war ein Bericht in “Die Welt” vom 13. März 2013 mit der Überschrift: “Wie die EU beinahe Pornos verboten hätte”. Es geht darin um einen vom Plenum schließlich entschärft beschlossenen Vorstoß aus dem Frauenausschuss des Europaparlaments, der in seiner ursprünglichen Fassung ein “Verbot von jeglicher Form der Pornografie in den Medien” vorgesehen hatte, um “geschlechtsspezifische Klischees abzuschaffen”. Dass diese krasse Forderung vor der Abstimmung im Gesamtparlament aus dem Papier gestrichen wurde, sieht ein in dem Artikel zitierter Abgeordneter als Beleg für das Funktionieren der europäischen Demokratie. Ich frage mich aber, wie so ein radikaler Unsinn überhaupt eine Mehrheit im Frauenausschuss finden konnte und wer so etwas in eine parlamentarische Vorlage schreibt.

Gibt es wirklich ernstzunehmende und gewählte Menschen, die tatsächlich bereit wären, auf dem Altar des Gender Mainstreamings und der vermeintlichen Geschlechtergerechtigkeit jegliche Darstellung von expliziter Sexualität aus den Medien verbannen wollen? Scheinbar schon, und um ein Haar hätte dies sogar eine breite parlamentarische Mehrheit gefunden.

Als ich das las, ratterten bei mir Bilder und Argumente aus der legendären “Pascha-Diskussion” durch den Kopf, in deren Verlauf es anlässlich der Teilnahme transsexueller Prostituierter aus dem Großbordell “Pascha” am Kölner CSD zu heftigen Kontroversen gekommen ist und die beinahe sogar zu einer Spaltung der organisierten Lesben- und Schwulenszene geführt hätte.

Auch damals wurden Forderungen laut, Taxi-Werbung für das “Pascha” mit teilentblößten Frauen als Motiv zu verbieten und Prostitution als immanent frauenverachtendes System möglichst ganz abzuschaffen bzw. zurück in die Illegalität zu drängen. 

Ich habe bei diesem Konflikt viel gelernt über die nachvollziehbaren Empfindlichkeiten von Frauen bei allen Fragen, die sich um sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechtergerechtigtkeit und die Einhaltung persönlicher Schamgrenzen drehen. Und dennoch blieb klar, dass verständliche Sensibilitäten und historische Entwicklungsstränge des gesellschaftlichen Diskurses nicht befähigt werden durften, über das Ziel eines angemessenen Interessenausgleichs hinauszuschießen und dabei fundamentale Freiheitsrechte zu gefährden.

Würde die “Pascha-Diskussion” heute zu anderen Ergebnissen führen? Wäre es heute noch möglich, das Interesse der transsexuellen Prostituierten, als Teil der CSD-Bewegung wahrgenommen zu werden, diskursiv weitgehend auszublenden und damit als irrelavant zu qualifizieren?

Dies führt mich zur “T-Frage”, die mich seit langem beschäftigt, die aber bisher keiner so recht diskutieren wollte. “T” steht für Transgender, und dieser Begriff umfasst wiederum, so weit mir das jetzt ohne Recherche präsent ist, transsexuelle und transidente Menschen, nicht jedoch Transvestiten.

Diese zahlenmäßig recht kleine Gruppe, die wegen ihrer oft schwierigen Biographien und der häufig anzutreffenden äußeren Auffälligkeit zweifellos einer noch stärkeren gesellschaftlichen Stigmatisierung und Diskriminierung ausgesetzt waren bzw. sind als Schwule und Lesben, spielte auf dem Feld der Minderheitenpolitik viele Jahre so gut wie keine Rolle, da es die zahlenmäßig deutlich stärkeren und medial weitaus beachteteren Lesben und Schwulen stets schafften, den kleinen politischen Scheinwerfer, der diese gesellschaftliche Nische überhaupt ausleuchtete, auf ihre Anliegen zu lenken.

Wann und wie es genau dazu kam, dass aus dem Politikbereich “LS” (Lesben und Schwule) das Themenkürzel “LST” (Lesben, Schwule und Transgender) wurde, ist mir leider nicht bekannt. Meine Theorie dazu ist, dass es irgendwelchen verantwortlichen Politikern/Verwaltungsbeamten zu mühsam war, die beiden Themenfelder inhaltlich trennscharf zu machen und in angemessener Weise gesondert zu bearbeiten. Stattdessen wurde aus dem sexuellen Schmuddelduo erst ein Trio, inzwischen köchelt auf kleiner Flamme eine wahre Buchstabensuppe aus L, S, B, T, T, I und einem Sternchen, um alle etwaig vergessenen Seelen auch noch irgendwie zu berücksichtigen.

Die Betroffenen wurden übrigens praktischwerweise gar nicht gefragt, ob sie gemeinsam mit den anderen in einem Thementopf landen wollen, und so stellt sich die Frage, ob da wirklich zusammengefasst wurde, was auch tatsächlich zusammen passt? 

So, und jetzt bin ich gleich zum Essen verabredet, also ein anderes Mal weiter schreiben…   

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